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Die Musikkapelle

– politische Neutralität im sozialistischem Milieu
 

Die Musikkapelle wurde am 24. Oktober 1924 von Konrad Egerter, Emil Ehniß, Jakob Fausel, Konrad Fausel, Gotthilf Nill, Gustav Nill (I), Gustav Nill (II), Jakob Schlotterer, Johannes Schlotterer, Erwin Schüßler, Karl Spieß, Eduard Steinhilber und Georg Wagner gegründet [1] . Bei dieser Gruppe handelte es sich nicht um einen Verein, sondern um einen formlosen Zusammenschluss musikbegeisterter junger Männer.

Für sie war es nicht leicht bei den ärmlichen Verhältnissen im Dorf, eine Kapelle aufzubauen

Allein die Beschaffung der benötigten 13 Instrumente, die insgesamt mit 800 Mark veranschlagt wurden, stellte sie vor eine schier unlösbare Aufgabe. Die Musiker selbst konnten nur je 10 Mark aufbringen, durch eine Haussammlung im Dorf kamen weitere 300 Mark in die Kasse, über den Rest wurde ein Darlehen aufgenommen. Daraufhin konnten die Musikanten bereits vor Weihnachten 1924 ihre Instrumente in Besitz nehmen [1] . Diese Form der Finanzierung war nur möglich, weil die Musikkapelle hauptsächlich bei Hochzeiten spielte, wodurch sie regelmäßige Einnahmen verzeichnen konnte. Verträge regelten genau, wie viel die „Hochzeiter“ bezahlen mussten:

„ bei Selbstverköstigung der betreffenden Musiker wurde der Preis auf sechzig Mark festgesetzt, aber dabei dem betreffenden Hochzeiter zwei Vortänze zugesagt. Wird aber der Musik das Essen vom Hochzeiter gegeben, so wurde der Preis auf dreißig Mark festgesetzt und das Bier muss solange frei sein, bis nachts um 12 Uhr, welches auch der betreffende Hochzeiter zu bezahlen hat [2] .  

Neben dieser detaillierten Preisaufstellung deutet auch die Organisationsform daraufhin, dass bei den Mitgliedern der Wunsch, Geld zu verdienen, im Vordergrund stand [3] .

Es ist anzunehmen, dass der Vorstand um politische Unauffälligkeit bemüht war, schließlich wollte man bei allen Hochzeiten spielen und durch politisch motivierte Vorbehalte niemanden vor den Kopf stoßen 

Den Quellen lässt sich allerdings entnehmen, dass sie engen Kontakt zu den Arbeitervereinen hielt. Beispielsweise war sie meistens bereit, bei den Maifeiern aufzuspielen. Und auch die Arbeitervereine trugen zu den Festen der Musikkapelle bei, wie deren Beteiligung beim Musikfest am 16. und 17. Juli 1927 zeigt. Das Festprogramm vermerkt mehrere Liedbeiträge des Arbeitergesangvereins, „elektrisches Keulenschwingen“ und sonstige Aufführungen des Turnvereins und einen Reigen des Radfahrvereins. Auch im Festzug waren, neben dem Gemeinderat, alle Arbeitervereine des Dorfes beteiligt, von der Teilnahme der anderen Vereine, etwa dem CVJM oder dem Schwäbischen Albverein, ist nicht die Rede [4]  

Auch wenn sich die Kapelle um politische Neutralität bemühte, darf man daraus nicht schließen, dass auch die Mitglieder unpolitisch waren; mehrere Musikanten gehörten gleichzeitig anderen Vereinen an: so zählte beispielsweise Johannes Schlotterer, eines der Gründungsmitglieder, auch zu den Gründern des Arbeiter-Radfahrvereins, Gustav Nill gehörte dem SPD-nahen Turnverein an, Karl Zehnder hingegen war Mitglied der NSDAP.

Erst nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler kam es über dies unterschiedlichen parteipolitischen Ausrichtungen zu Konflikten innerhalb der Musikkapelle. Die Differenzen waren so heftig, dass sie zum Bruch führten. Fast die Hälfte der Mitglieder trat im Frühjahr 1933 aus der Kapelle aus, wofür als Gründe die politischen Veränderungen genannt wurden: 

„Mitglieder, welche als Gründer zum Teil der Kapelle gehörten, sind wegen politischen Gründen der Kapelle ferngeblieben“ [5]

Trotz der nun nur noch geringen Mitgliederzahl wurde sie daraufhin nicht aufgelöst. Musiker, die ihr aber weiterhin angehörten, standen sicher nicht der Arbeiterbewegung nahe, da sie, wie sie selbst betonten, „doch alle nationalen Feiern unentgeltlich“ [6] spielten. Gemeint ist damit sicherlich die Beteiligung der Kapelle am „Tag von Potsdam“, am „Heldengedenktag“ und an „Führers Geburtstag“. 

Die ausgetretene Hälfte der Kapelle war nicht bereit, durch solche Aktionen die neue Regierung zu stützen, wollte aber auch den anderen das Feld nicht kampflos überlassen. Die daraufhin einsetzende Entwicklung lässt sich anhand eines Briefes vom Januar 1935 rekonstruieren. Aus diesem lässt sich schließen, dass sich die ausgetretenen Mitglieder zu einem Handharmonikaklub zusammengeschlossen hatten [7]

Die Musikkapelle sah in diesem Klub nicht nur einen wirtschaftlichen Konkurrenten, sondern auch einen politischen Gegner, was die Schärfe des Konfliktes erklärt. Um den ungeliebten Konkurrenten auszuschalten, beschwerte sich der Vorsitzende Karl Zehnder beim „Reichsverband der Volksmusik e. V.“ in der Reichsmusikkammer Berlin darüber, dass der Handharmonikaklub angeblich „in seinen Leistungen sehr nachgelassen habe [8] Zehnder hoffte, dass sein Brief zur Auflösung des Klubs führen würde und damit die Konkurrenz aus dem Weg geräumt wäre. Als dieses Schreiben nicht den gewünschten Erfolg brachte, wandte sich die Vereinsleitung an die „Fachschaft I Bund deutscher Laien-Orchester Landschaft Südmark [9] “in Heidenheim und betonte, dass man die Nationalsozialisten bei deren Festen immer unentgeltlich unterstützt habe, während der Handharmonikaklub nur auf den eigenen Vorteil bedacht gewesen sei; dieser träte nur bei Hochzeiten auf, bei denen es etwas zu verdienen gäbe. 

Er denunzierte also nicht direkt die politische Einstellung des Klubs, unterstellte ihm aber, am allgemeinen „nationalen Aufbruch“ nicht teilzunehmen und somit seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus zum Ausdruck zu bringen. Für den Geschäftsführer des angeschriebenen Verbandes war deshalb ein Grund gegeben, die Gruppe überprüfen zu lassen. Er bat den Bodelshäuser Bürgermeister festzustellen, ob der Handharmonikaklub überhaupt Mitglied der Reichskulturkammer sei. Nur wer in dieser Institution Mitglied war, hatte die Berechtigung, öffentlich aufzutreten. Sie diente dazu, politisch unliebsame Künstler aus dem öffentlichen Kulturleben zu entfernen, eine Nichtaufnahme kam einem Berufsverbot gleich.

Die Rechnung des Vorsitzenden Zehnder war also aufgegangen: allein der Hinweis auf mangelnde Linientreue der Vereinmitglieder reichte aus, um eine Untersuchung in Gang und sie öffentlich in Mißkredit zu bringen.

Wie es mit dem Handharmonikaklub und der Musikkapelle weiterging, lässt sich leider aus den Quellen nicht entnehmen. Diese Geschichte zeigt aber, wie die Mitglieder der Bodelshäuser Arbeitervereine auch nach 1933 versuchten, den Zusammenhalt zu wahren. Außerdem kann man daran ablesen, dass sich der Aufstieg der Nationalsozialisten im Dorf nur langsam vollzog. Noch 1935 war die Gleichschaltung im Dorf nicht vollständig erfolgt und der Einfluss der NSDAP-Ortsgruppe so schwach, dass sie für die Bekämpfung der politischen Gegner auf Hilfe von außerhalb angewiesen war.

Während der Kriegsjahre ruhte das Leben der Musikkapelle Bodelshausen. Die letzte Protokolleintragung ist auf den 4. März 1939 datiert.

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[1]

Sammlung Hänssler Nr. 157

[2] Zit. nach: Festschrift 50 Jahre Volksmusik in Bodelshausen 1974

[3] Als Verein hätte man einerseits Beiträge von aktiven und passiven Mitgliedern erheben können, was regelmäßige Einkünfte bedeutet hätte. Andererseits aber wäre in diesem Fall das bei Hochzeiten erwirtschaftete Geld an den Verein geflossen und nicht an die Musiker.

[4] GAB A 1647

[5] Festschrift 70 Jahre Musikverein Bodelshausen

[6] GAB A 1649

[7] In diesem Brief heißt es, dass die Kapelle bereit wäre, die Mitglieder vom Handharmonikaklub wieder aufzunehmen, also müssen sie zuvor schon dem Verein angehört haben.

[8] GAB A 1649

[9] GAB A 1649

[1]

Hänssler, Friedrich 1986, S. 198f

 

 

 

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